Fact-Checking und Desinformation in Deutschland – Eine Wasserstandsmeldung

von Karolin Schwarz

Weltweit wird über Auswirkungen und Gefahren gezielt gestreuter Falschmeldungen diskutiert. Die Motivlagen sind unterschiedlich. Verbreitet werden falsche und manipulierte Meldungen zum Beispiel aus politischen oder finanziellen Motiven. Nicht selten wird über die Beeinflussung von Wahlen spekuliert. Auch in Deutschland diskutierte man vor der Bundestagswahl 2017 über eine mögliche Intervention politischer Akteur:innen aus dem In- und Ausland. Nach der Bundestagswahl folgte die Erleichterung: Der Wahlkampf wurde nicht durch politisch motivierte Falschmeldungen dominiert, wie zuvor etwa in den USA. Im Folgenden soll eruiert werden, ob die Erleichterung berechtigt war und welche Rolle verstärkt auch Videoinhalte spielen.

Desinformation in Deutschland

Ein erheblicher Teil der politisch motivierten Falschmeldungen in Deutschland ist in den Themenfeldern innere Sicherheit, Migration, Asyl und Islam zu verorten. Das lässt sich auch der Erhebung der Stiftung Neue Verantwortung zu Desinformation im Bundestagswahlkampf 2017 entnehmen: Von den zehn untersuchten Fällen fiel lediglich einer in einen anderen Themenbereich (Sängerlaub et al. 2018). Die meisten dieser Fälle werden vor allem im konservativen und rechtspopulistischen sowie rechtsextremen Spektrum verbreitet. Und auch wenn Menschen mit linken und sozialliberalen Ansichten keineswegs immun gegen Falschmeldungen im Internet sind, so belegt eine Studie unter Führung des Anthropologen Daniel Fessler, dass sozial konservativ eingestellte Personen Falschmeldungen und den damit verknüpften vermeintlichen Bedrohungen eher auf den Leim gehen (Fessler et al. 2017). Sein Team aus Forscher:innen der University of California und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie konfrontierte 540 Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten mit Falschmeldungen zu verschiedenen Themenbereichen. Fessler und sein Team erklären, dass Menschen, die sozial konservativ sind, einer Warnung eher Glauben schenken, als ein Risiko einzugehen. Selbst wenn die Warnung falsch ist. Zudem seien positive Falschmeldungen sowohl unter sozial Konservativen als auch Liberalen weitaus seltener erfolgreich als solche, in denen eine Bedrohung formuliert wird. Dabei besteht insgesamt kein Zusammenhang mit dem Bildungsgrad.

Anders als in den Vereinigten Staaten gibt es in Deutschland eher weniger Alternativmedien [1], die fast ausschließlich erfundene Inhalte verbreiten. Stattdessen handelt es sich oft um eine Mischung aus selektiv ausgewählten Berichten, gezieltem Weglassen von Informationen und einem Teil erfundener Fakten. Artikel und Blogposts werden auf Facebook, Twitter und über Messenger-Apps wie WhatsApp verbreitet. Zusätzlich werden Falschmeldungen in Form von Videos und Fotos verbreitet. Diese machen einen erheblichen Teil der Desinformation im deutschsprachigen Raum aus und werden in sozialen Medien und Messengern verteilt. Neben Themen wie Asyl, Migration und innere Sicherheit, die auf politischer und gesellschaftlicher Ebene oft hitzig und häufig in diskriminierender Art und Weise diskutiert werden, sind auch Falschmeldungen zu medizinischen Themen verbreitet. Nahezu täglich werden Berichte über neue Wunderheilmittel und angebliche Nebenwirkungen von Impfungen in die Welt gesetzt, oft mit potenziell verheerenden Folgen.

Steigende Bedeutung von Videoinhalten

Zunehmend gewinnen Falschmeldungen in Videoform an Bedeutung. Vor der Bundestagswahl 2017 verbreitete eine Facebook-Seite ein Video, das etwa 20 Menschen – die meisten von ihnen in langen, weißen Gewändern – an einer Leipziger Straßenbahnhaltestelle zeigt. Das Video sollte als „Beweis“ für die angebliche „Islamisierung“ Deutschlands dienen und wurde mehr als 10 000-mal geteilt. In einer Stadt wie Leipzig mit mehr als 580 000 Einwohner:innen kann bei 20 Personen wohl kaum von einer drohenden „Islamisierung“ gesprochen werden. Zudem handelte es sich um eine Übertreibung bzw. Falschdarstellung. Denn bei den Personen im Video handelte es sich noch nicht einmal um Muslim:innen, sondern um Christ:innen aus Eritrea, die einer Taufe beigewohnt hatten (Wonnemann 2017).

Im Spätsommer 2018 wurde ein Video über mehrere Konten auf sozialen Medien verbreitet, das einen jungen Mann zeigt, der einem anderen eine Flasche auf den Kopf schlägt. Vor der Tat sagt er: „Ich bin von Afghanistan.“ Das Video wurde als Legitimation für rechte, asylfeindliche Demonstrationen in Chemnitz herangezogen und mit einer Reihe gewaltverherrlichender Kommentare versehen. Auf Facebook teilten mehr als 10 000 Menschen das Video. In der Beschreibung des Videos fehlt allerdings ein wichtiges Detail: Der Täter ist kein Afghane. Es handelt sich um einen italienischen Staatsbürger (Pezet 2018).

Nach einem Tötungsdelikt in Chemnitz hatten Falschmeldungen in sozialen Medien Konjunktur. Tagelang wurden immer neue falsche Fakten und Verschwörungstheorien verbreitet, zum Teil unter Beteiligung politischer Akteur:innen und Amtsträger:innen (Engert 2018). Viele Falschmeldungen wurden auch international verbreitet, beispielsweise von rechten Akteur:innen aus Großbritannien (Schwarz u. Gensing 2018). Auch YouTube und sein Algorithmus spielten in diesem Zusammenhang eine erhebliche Rolle – bezüglich der Darstellung von Suchergebnissen. Das Gros der Videos, die sich auf den Vorfall bezogen und besonders erfolgreich waren, enthielt falsche Angaben. Nach kritischen Berichten in überregionalen Medien und der New York Times (Fisher u. Bennhold 2018) passte YouTube die Suchergebnisse so an, dass Berichte vertrauenswürdiger Medien in den Suchergebnissen inzwischen bevorzugt angezeigt werden (Rafael 2018). Auf welche Suchanfragen und -begriffe sich diese Änderung auswirkt, ist unklar. YouTube hat dazu keine Angaben gemacht. Sucht man beispielsweise nach „Münster“, wo im April 2018 ein Mann mehrere Menschen tötete, indem er einen Kleinbus in eine Menschengruppe lenkte, ergibt sich ein anderes Bild. In den ersten Suchergebnissen tauchen neben Videos, die das Thema nicht aufgreifen, weiterhin vor allem Inhalte von Akteur:innen auf, die Falschmeldungen und Verschwörungstheorien verbreiten. Bereits in den Tagen nach der Tat waren eine Reihe von Falschmeldungen oder veraltete Berichte und keine korrigierten und gesicherten Informationen zu finden (Schwarz 2018).

Der Erfolg dieser Inhalte auf YouTube lässt sich keiner monokausalen Erklärung zuordnen. Vielmehr liegt es an einer Reihe von Faktoren: Der YouTube-Algorithmus begünstigt Inhalte, die Reaktionen wie Up- und Downvotes oder Kommentare auslösen. Reißerische, zugespitzte und erfundene Inhalte lösen solche Reaktionen in der Regel häufiger aus als eine ausgewogene, nüchterne Berichterstattung. Zudem werden solche Inhalte häufig vergleichsweise schnell nach Ereignissen wie Anschlägen, Amokläufen und anderen Gewalttaten hochgeladen. Häufig noch bevor oder unmittelbar nachdem die Ermittlungsbehörden erste Erkenntnisse bekannt geben. Vertrauenswürdige Medien veröffentlichen ihre Inhalte eher später oder weisen auf die Vorläufigkeit ihrer Informationen hin. Und selten sind diese Inhalte speziell auf YouTube oder andere Plattformen zugeschnitten. Die meisten Videos sind eher kurz, seltener werden Kommentare veröffentlicht. Zwar veröffentlichen einige Medien auf YouTube auch Reportageformate, die durchaus hohe Reichweiten erzielen. Meistens erfolgt die Veröffentlichung aber nicht unmittelbar nach einem Vorfall. Die Lücke, die Verbreiter:innen von zielgerichteter und oft politisch motivierter Desinformation für sich nutzen, kann auf diese Weise nicht geschlossen werden.

Fact-Checking in Deutschland

Fact-Checking ist im deutschsprachigen Raum insgesamt noch ein eher jüngeres Arbeitsfeld. Selbstredend gelten für Inhalte von Medien Qualitätsstandards und sie sollten vor ihrer Veröffentlichung noch einmal auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. Journalistische Fehler werden in Deutschland in besonders schweren Fällen vom Presserat geahndet. Fact-Checking oder Debunking bedeutet hingegen eine Reaktion auf Inhalte, die vor allem in sozialen Medien, Messengern oder auf anderen Wegen online verbreitet werden. Bis 2016 taten sich in diesem Feld unter anderem das österreichische Portal Mimikama, der Hoax-Info-Service der Technischen Universität Berlin und das Portal Hoaxmap.org [2] hervor, das Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht weiße Personen aggregiert. Vor der Bundestagswahl 2013 rief das ZDF zudem den #ZDFcheck ins Leben, das Aussagen von Politiker:innen im Wahlkampf überprüfte. Zur Bundestagswahl 2017 gab es eine Neuauflage des Formats.

Im Jahr 2017 sah die Fact-Checking-Landschaft in Deutschland deutlich vielfältiger aus. Das war unter anderem Folge der Befürchtung, in Deutschland könnte vor der Wahl Desinformation in ähnlichem Maße verbreitet werden wie zuvor im Wahlkampf in den USA. Sowohl die ARD-Tagesschau als auch das gemeinnützige Medium Correctiv.org gründeten eigene Fact-Checking-Teams. Auch beim Bayerischen Rundfunk und dem WDR wurden ähnliche Projekte ins Leben gerufen. Zusätzlich überprüften einzelne Journalist:innen bei verschiedenen Medien sowie die ehrenamtlichen Faktenchecker:innen von stimmtdas.org Inhalte aus sozialen Medien und Aussagen von Politiker:innen.

Nach der Bundestagswahl und der damit einhergehenden Erleichterung, dass Falschmeldungen nicht das befürchtete Ausmaß erreichten, wurden einige Projekte gänzlich eingestellt oder das Personal zunächst verringert. [3].

Fazit und Ausblick

Obwohl Desinformation im Bundestagswahlkampf keine allzu große Rolle spielte, sollten mögliche Konsequenzen von Falschmeldungen nicht unterschätzt werden. Im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt in Chemnitz und einem Vorfall in Köthen wurden kurze Zeit später massiv Falschmeldungen und Verschwörungstheorien in sozialen Medien und Messengern geteilt. Sie wurden von einer Vielzahl von Akteur:innen aus dem rechten Spektrum, aber auch von Politiker:innen unterschiedlicher Parteizugehörigkeit aufgegriffen und verbreitet. Nicht nur Journalist:innen und Medien, auch verschiedene Institutionen werden vermehrt angegriffen. Ihre Glaubwürdigkeit soll in Misskredit gebracht werden. Der Kern der Desinformation ist weniger, jemanden dazu zu bringen, seine politischen Ansichten ins Gegenteil zu verkehren. Vielmehr soll Misstrauen geschürt und polarisiert werden. Zudem sollen Zweifel an politischen Gegner:innen genährt werden, sodass ihre Anhänger:innen davon absehen, ihre Stimme bei künftigen Wahlen abzugeben.

Der eingeschränkte Blick auf die Frage nach Einflussnahme von Wahlen führt jedoch dazu, dass mögliche Konsequenzen für die Gesellschaft als solche nicht in gleichem Maße betrachtet werden. Dass sich Akteur:innen, die fabrizierte Informationen und Verschwörungstheorien verbreiten, nicht allein auf den Wahlkampf konzentrieren, hat das Beispiel Chemnitz ausreichend belegt. Zudem werden die Werkzeuge, mit denen sich Informationen in Form von Videos und Audioaufnahmen manipulieren lassen, immer besser und immer mehr Menschen werden Möglichkeiten eröffnet, täuschend echt wirkendes Material anzufertigen. [4] Das impliziert zugleich neue Ansprüche an Faktenchecker:innen, Videos und Soundaufnahmen hinsichtlich ihrer Echtheit zu überprüfen. Das funktioniert nicht ohne entsprechende technische Lösungen, die hierfür erst noch geschaffen werden müssen. Es wäre wenig konstruktiv, hinsichtlich der Reichweite und Konsequenzen von Desinformation Panik zu verbreiten. Grund zum Durchatmen bietet die Lage allerdings auch nicht.

Autorin

Karolin Schwarz ist freiberufliche Journalistin, Factcheckerin und Trainerin. Sie arbeitet unter anderem für den Faktenfinder, Kontraste und Buzzfeed News und hält Vorträge und Schulungen zu Desinformation und Hass im Netz. Sie ist Fellow am Institute for Strategic Dialogue. Im Februar 2016 gründete sie das Projekt Hoaxmap.org, das falsche Berichte über Geflüchtete und People of Color sammelt. Das Projekt wurde für den Grimme Online Award und den Journalistenpreis „Der lange Atem“ nominiert.

Quellen

[1] Der Begriff Alternativmedien suggeriert, es handle sich um Medienangebote, die eine Gegenöffentlichkeit zu etablierten Medien schaffen. In der Regel handelt es sich bei Blogs und anderen Angeboten aus diesem Spektrum um Publikationen, die sich auf ein sehr enges Themenfeld beschränken. Meist geht es um Migration und Asyl, die politische Elite oder andere Themen, die bei populistischen Akteur:innen beliebt sind.

[2] Die Autorin ist Gründerin der Plattform Hoaxmap.org.

[3] Sowohl der #ZDFCheck als auch das Team des WDR und später auch das Faktencheckportal stimmtdas.org stellten nach der Bundestagswahl ihre Arbeit ein.

[4] Ein beeindruckendes Beispiel für eine solche Manipulation ist ein Video von Buzzfeed News, das in Kooperation mit dem US-Komiker Jordan Peele produziert wurde: https://www.youtube.com/watch?v=cQ54GDm1eL0