Einleitung

von Ruža Renić, Robert Behrendt, Daniel Seitz für das Netzwerk bewegtbildung.net

Das Mediennutzungsverhalten vor allem junger Menschen hat sich im letzten Jahrzehnt stark gewandelt. Das haben die JIM-Studie 2018 und viele weitere Erhebungen der letzten Jahre eindrücklich gezeigt. Die Bedeutung digitaler Medien, des Internets, sozialer Netzwerkdienste und mobiler Anwendungen hat seit ihren Anfängen stetig zugenommen. Fragt man heute Jugendliche in Deutschland, was ihr liebstes Internetangebot ist, so nennen knapp zwei Drittel – mit weitem Abstand vor WhatsApp und Instagram – das Videoportal YouTube (PDF zur JIM Studie 2018 ).

Webvideoplattformen sind für junge Menschen zum bevorzugten Ort der Unterhaltung und Freizeitgestaltung geworden, aber eben auch ein Ort der Information, des Wissenserwerbs und der Meinungsbildung. Während des Freizeitverhaltens spielt sich eine Vielzahl von Bildungsprozessen ab, die es im Sinne einer aufsuchenden politischen Bildungsarbeit stärker in den Blick zu nehmen gilt: Welche Rolle spielen Bewegtbildinhalte für die Persönlichkeitsentwicklung? Welche gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge erschließen sich junge Menschen über Bewegtbildinhalte? Wie gestalten Webvideos und Plattformen den Austausch über Themen und eigene Sichtweisen auf die Welt? Wie wirkt dieser Austausch auf andere alltägliche Lebenswelten wie Schule, Familie, Freundeskreise und auf das öffentliche Leben zurück?

Aus Sicht medienpädagogischer und politisch-bildnerischer Arbeit kann Webvideo ein Bildungsmedium unter vielen sein, derer sich Bildnerinnen und Bildner in ihrer täglichen Arbeit bedienen. Berücksichtigt man aber den besonderen Stellenwert in den Lebenswelten junger Menschen in Deutschland, ließe sich Bewegtbild im Social Web – und nicht nur hier – als eine Art Leitmedium bezeichnen.

Mit der Idee, das Medium Webvideo politisch-bildnerisch zu begleiten, und vor dem Hintergrund einer notwendigen medienpädagogischen Auseinandersetzung mit dem Social Web bildete sich 2015 das Netzwerk bewegtbildung.net. Es ist ein gemeinsames Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und von mediale pfade.org – Verein für Medienbildung e. V. unter Beteiligung zahlreicher Institutionen und Fachkräfte. Bewegtbildung.net versteht sich als Netzwerk der politischen Bildung, das Akteurinnen und Akteure aus den Bereichen Wissenschaft, Bildung und politische Bildung, Medienpädagogik, Social Web und Webvideo zusammenbringt.

Ziele sind unter anderem, die Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen, Ansätzen und Theorien rund um Webvideo in Bildungskontexten zu fördern, die Entwicklung eines interdisziplinären Austauschs unterschiedlicher Arbeitsfelder zu gestalten sowie Beiträge zur gesellschaftlichen Debatte zu liefern. Bereits in der Namensgebung werden Ansatz und Ausgangspunkt deutlich: „Bewegtbildung“ will aus Sicht des Netzwerkes beide Bereiche – Webvideo (Bewegtbild) und politische Bildung – stärker zusammendenken und deren Verhältnis zueinander näher bestimmen. Welche Rahmenbedingungen müssen etwa erfüllt sein, um Webvideo als Bildungs- und Lernmedium mit seinen spezifischen Eigenheiten nachhaltig zu verankern? Wann kann politische Bildung mit Webvideo überhaupt als erfolgreich gelten? Wie verschieben sich die Grenzen politischer Bildung vor dem Hintergrund fortschreitender Digitalisierung und Mediatisierung?

Eine Annäherung und kritische Diskussion dieser und weiterer Fragen bildete der gemeinsam im Netzwerk erarbeitete Debattenbeitrag „Kriterien für gelingende Bewegtbildung “, der einige der hier berührten Punkte weiter verfolgt. Die Kriterien ergänzen auch die Lektüre der in dieser Publikation vorgestellten Artikel, da sie zu konkreten Gelingensbedingungen ein weit gefächertes und nicht abgeschlossenes Thesenpapier liefern, was „Bewegtbildung“ dem Verständnis des Netzwerkes nach ist oder sein kann.

Die vorliegende Publikation zeigt einen Teil der interdisziplinären Arbeit des Netzwerks und liefert weiterführende Ansätze; deutlich werden die diversen Perspektiven, sowohl in Art und Form des Zugangs zum Phänomen Webvideo als auch in Stil und Umfang der Auseinandersetzung. Die ersten beiden Artikel konzentrieren sich auf zwei aktuelle Phänomene im Kontext von Webvideo und Social Web, hate speech und Falschmeldungen, und eröffnen aus journalistisch-bildnerischer Perspektive das Themenfeld. Die Beiträge drei und vier stellen Forschungsergebnisse zu politisch-bildnerischen Phänomenen mit und in Webvideo dar und vertiefen das Themengebiet. Die letzten vier Artikel gewähren aus Sicht der Macherinnen und Macher Einblicke in die Praxis von Webvideoprojekten und –produktionen und deren Herausforderungen.

Alle Beiträge zielen auf eine kritische Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen der Bewegtbildarbeit, die die Grundlage für thematische oder produktionstechnische Fragen bilden. Als besonders komplex und dynamisch erweist sich der Bereich der Kommentarkommunikation im Social Web. Insbesondere die Faktoren Partizipation und Interaktion, die im Medium strukturell angelegt sind, begründen aus politisch-bildnerischer Sicht das Potenzial der Bewegtbildungsarbeit. Denn wenn wir Webvideos verstehen als im Social Web veröffentlichte Bewegtbildinhalte, die sich vor allem durch ihre Kommentierbarkeit und Teilbarkeit auszeichnen, dann kommt ihnen in der Aktivierung von Meinungs- und Aushandlungsprozessen im Social Web eine zentrale Rolle zu. Dass faire und konstruktive Diskussionskulturen hier aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit sind, zeigen die gesellschaftspolitischen Debatten rund um Phänomene wie hate speech, sogenannte Fake News und Echokammern. Es gilt daher in Bildungsprojekten, die soziale Medien zum Gegenstand haben oder nutzen, Strategien zu entwickeln, wie ein kompetenter Umgang mit Informationen im Netz und die aktive, diskriminierungsfreie Meinungsbildung im Sinne politischer Bildung gelingen kann.

Die Autorinnen und Autoren dieser Publikation stellen grundsätzliche Fragen zu den Chancen des Lernmediums Webvideo und scheuen sich nicht, auch Fehlschläge in der eigenen Arbeit zu behandeln. Die Beiträge machen deutlich, wie vielfältig politische Bildungsarbeit mit und in Webvideo aussehen kann. Die gewonnenen Erkenntnisse können entscheidende Auswirkungen auf Projektverläufe haben und sollten bestenfalls bereits zum Zeitpunkt der Projektplanung berücksichtigt werden. Denn nicht zuletzt resultieren bestimmte Herausforderungen in Webvideoprojekten – wie etwa Fragen der Monetarisierung, des Persönlichkeits- und Datenschutzes und des Einflusses von Algorithmen auf Meinungsbildungsprozesse – aus übergeordneten Rahmenbedingungen. Es ergeben sich vielschichtige Herausforderungen für die Entwicklung von Webvideoangeboten, die zum Beispiel auch technologische oder (medien-)wirtschaftliche Entwicklungen einbeziehen. Diese Herausforderungen aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren und mit Erfahrungswerten aus der Praxis rückzukoppeln, ist für politische Bildung und Medienpädagogik ein zentrales Anliegen – unsere Veröffentlichung möchte dazu einen eigenen Beitrag leisten.

Wir danken darum allen Autorinnen und Autoren für den spannenden Prozess und ihre gelungenen Beiträge! Außerdem möchten wir uns bei allen Teilnehmenden im Netzwerk bewegtbildung.net  bedanken, denn vor allem die gemeinsame Reflexion der letzten Jahre trug erheblich zur Profilschärfung des Arbeitsfelds bei. Wir sind froh, mit der vorliegenden Publikation, neben der Dokumentation zweier Fachtagungen und unseren „Kriterien für gelingende Bewegtbildung“, einen weiteren Baustein zur Entwicklung dieses Arbeitsfeldes politischer Bildung beitragen zu können.