Bewegtbildung und Plattformbedingungen

Dieser Beitrag vereint zentrale Überlegungen dazu, welche Rolle die Bedingungen verschiedener Plattformen (YouTube, TikTok & Co.) eigentlich spielen, wenn man politische Bildung mit Webvideo realisieren möchte. In Abschnitt 1 werden zunächst Ideen für eine ideale Webvideoplattform beschrieben. Im Anschluss daran finden sich in Abschnitt 2 Überlegungen dazu, was Bewegtbildung mit Blick auf die Bedingungen bestehender Plattformen reflektieren sollte. Zusammengetragen wurden die Überlegungen bei einem Netzwerktreffen von bewegtbildung.net im Herbst 2019 in Berlin.

(1) Ideen für eine Meta-Mediathek

Dieser Abschnitt beschäftigt sich damit, wie eine ideale Webvideo-Plattform aussehen könnte, die demokratisch organisiert ist und eine Art Meta-Mediathek oder Supermediathek bildet, also Inhalte aus mehreren anderen Mediatheken bündelt. Beachtenswerte Beispiele für Meta-Mediatheken in eher kleinerem Maße sind etwa shelfd.com und mediasteak.com

Grundlegend wäre bei der Konzeption einer solchen Meta-Mediathek zu überlegen, ob sie lediglich öffentlich-rechtliche Inhalte, lizenzfreie Inhalte und User Generated Content beinhalten sollte, oder sie auch private und kommerzielle Produktionen umfassen sollte. Durch die zweite Variante, die nochmals deutlich mehr Inhalt bedeuten würde, würde voraussichtlich eine höhere potentielle Reichweite der einzelnen Videos ermöglicht und der Bekanntheitsgrad einer solchen Plattform wäre vermutlich deutlich höher. 

Allerdings würde auch umso mehr Kuratieren und Sichtung der Inhalte nötig und gleichzeitig umso schwerer leistbar. Das Kuratieren wäre an sich ein Knackpunkt einer solchen Plattform, vor allem weil dafür sehr viele Ressourcen notwendig wären. Sinnvoll wäre es vermutlich, für eine Plattform mit entsprechend demokratischem Anspruch ein gänzlich oder zumindest in entscheidend hohem Maße von Menschen durchgeführtes Kuratieren der Inhalte zu gewährleisten, statt eines (gänzlich) technischen und (durch KI wie Algorithmen usw.) automatisierten Kuratierens. Sofern man menschliches Kuratieren als Bestandteil der Plattform einplant, stellt sich die Frage, wer diese Tätigkeit am sinnvollsten übernehmen sollte: Sollte es zum Beispiel (a) eine Art Zuschauer*innenredaktion sein, oder (b) eine Art Internet-Intendanz, oder (c) ein anderweitig besetztes externes Gremium? Ebenso wäre zu planen, ob und falls ja in welchem Maße ergänzend technikbasierte Kuratierhilfen miteinbezogen werden.

Zudem wäre zu entscheiden, welche Maßstäbe oder Werte für das Kuratieren sinnvollerweise gelten könnten. Eine Orientierung könnten beispielsweise die Aufgaben und Funktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bieten, die u.a. im Rundfunkstaatsvertrag festgehalten sind: Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung sowie das Beitragen zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung gehören dazu (Quelle: https://daserste.ndr.de/wahlarena/Aufgabe-und-Funktion-des-oeffentlich-rechtlichen-Rundfunks-der-ARD,antworten124.html).

Ebenfalls denkbar wäre eine etwas kleiner skalierte Meta-Plattform zu einem bestimmten Themenbereich, beispielsweise gezielt zum Bereich Bewegtbildung, also zu politischer Bildung mit Webvideo. Diese könnte Webvideos umfassen/verlinken, die (a) aus dem Netzwerk Bewegtbildung heraus entstanden sind sowie solche, die von Netzwerkmitgliedern in verschiedensten Projekten (b) erstellt oder (c) empfohlen worden ist. Ergänzend könnte man (d) ggf. ‚professionellen Content‘ zur politischen Bildung mit einbeziehen, etwa verschiedene YouTube-Formate oder die Bewegtbild-Inhalte von funk (ARD/ZDF). Durch eine solche Plattform könnten auch zeitlich eher eng befristete Projekte eine länger andauernde öffentliche Wahrnehmung erfahren, indem sie auf einer übergreifenden Plattform verfügbar und zwischen anderen Inhalten auch längerfristig sichtbarer wären. Eine Community aufzubauen und zu pflegen könnte man durch kontinuierliches Wachstum der Plattform gewährleisten und so die Sichtbarkeit von Bewegbildung erhöhen sowie Anstrengungen, Webvideos zum Themenbereich sichtbar zu machen, an einem Ort bündeln.

2) Die Arbeit auf bestehenden Plattformen

In der Arbeit mit Webvideoformaten sollte man sich auch in Bezug auf Plattformen die Frage stellen, ob eher produktorientiert oder eher prozessorientiert gearbeitet wird. Bei Prozessorientierung ist das Lernziel, nämlich die Arbeit an einem Video als Gruppenprozess, nach der Erstellung des Videos eventuell schon erreicht. Im Prinzip müsste man aber direkt weiterdenken und Community Management für hochgeladene Videos und sonstigen Content mit einplanen. Falls Prozessorientierung das primäre Ziel eines Projekts ist, dann ist die Wahl der Plattform den technischen Rahmenbedingungen des Inhaltes untergeordnet. Dies bedeutet, die ausgewählte Plattform muss das gewünschte Format und die gewünschte Länge des Videos verarbeiten können. Anders verhält es sich mit der Auswahl der Plattform, wenn es sich um eine produktorientierte Arbeit handelt. Hier steuern die technischen Rahmenbedingungen auch den Inhalt. Zu den technischen Rahmenbedingungen zählen Zielgruppen, Sehgewohnheiten, Limitationen und Algorithmen auf der Plattform.

Durch das Definieren der Zielgruppe der im Projekt gestalteten Videos können auch die bespielbaren Plattformen eingegrenzt werden. Da jede Plattform mit passgenauem Inhalt bespielt werden sollte, ist von einer ungezielten Streuung abzuraten. Bei einer gezielten Verteilung des Inhalts auf mehreren Plattformen (wobei eine Plattform immer die primäre Plattform sein sollte), werden potentielle Zuschauende auch auf die Hauptplattform gelotst. Trotzdem ist beim Wechsel auf eine andere Plattform immer mit Verlusten bei den Zuschauer*innenzahlen zu rechnen.

Nicht zu vernachlässigen sind die Sehgewohnheiten der Zielgruppe. Kurze Inhalte können auch mal in der Pause gelesen oder angeschaut werden. Längere Inhalte müssen der Zielgruppe entsprechend veröffentlicht werden. Teilweise sind die Sehgewohnheiten und die Erwartungshaltungen von Nutzer*innen auch von Plattform zu Plattform unterschiedlich, etwa weil Plattformen bestimmte Limitationen haben. Eine Limitation kann zum Beispiel die Länge, die Dateigröße oder auch das Format des Videos sein.

Algorithmen sind ein Unsicherheitsfaktor, wenn es um die Verbreitung des Inhaltes geht. Für Außenstehende und Creator*innen sind sie häufig eine Black Box. Der unsichtbare Code kann beispielsweise beeinflussen, welcher Inhalt als erstes zu finden ist oder welcher Inhalt empfohlen wird. Abschätzbar wird der Algorithmus meist nur durch Erfahrungswerte und auch dann nur teilweise. Zudem verändern sich Algorithmen in der Regel mit der Zeit, was ihre Einschätzung zusätzlich erschwert.

Für die bessere Sichtbarkeit der selbstproduzierten Inhalte macht es Sinn, an verschiedenen Stellen und auf verschiedene Arten Werbung für in einem Projekt entstandene Webvideos zu machen. Diese muss zu den seitens der Projektgeldgeber erlaubten Werbemaßnahmen passen. Gerade bei öffentlichen Geldern sollte man besonders darauf achten, welche Art von Werbung in welchem Umfang zulässig ist. Bei Werbeformen kann es sich etwa um Werbung via Printmedien, Adressdatenbanken oder Netzwerkarbeit handeln, aber auch die direkte Werbung auf bestimmten Plattformen sollte in Betracht gezogen werden. All diese Optionen müssen bei produktorientierten Webvideoprojekten frühzeitig mit einbezogen werden, um einen Teil des Budgets für Werbung einzuplanen. Zur Vermeidung von Abhängigkeiten gegenüber einer Plattform sollten auch Open Source Varianten und unabhängige Kanäle stets mitbeworben werden. Im Idealfall ist sogar das Bereitstellen der Videos auf eigenen Kanälen und Seiten möglich, um ein Stück weit unabhängig von großen kommerziellen Plattformen sein zu können. Auch wenn Erfahrungswerte nahelegen, dass man Inhalte zur Steigerung ihrer Bekanntheit auch auf etablierte, kommerzielle Plattformen hochladen sollte. Die Überlegung, mit den Plattformen zu arbeiten, welche die Zielgruppe tatsächlich im Alltag nutzt, spielt hierfür auch eine Rolle. Sie kann verbunden werden mit Hinweisen auf Potentiale der jeweiligen Plattform wie auch Probleme der Plattform, beispielsweise in Bezug auf Rechte weitergaben, Datenschutzfragen oder Persönlichkeitsrechte.

Kok Hung Cheong, Lars Gräßer, Katrin Huenemörder, Christian Noll, Eric Müller für das Netzwerk Bewegtbildung


Plattformbedingungen für politische Bildung

„Plattformen werden entweder als technische Infrastrukturen, oder als Unternehmen wahrgenommen. Das ist zwar beides nicht falsch, aber eine oberflächliche Betrachtung. In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass Plattformen mehr sind. Es sind politische Akteure und Institutionen und es sind eigene Wirschaftssysteme. Kurz: Es sind politische Ökonomien.“ Michael Seemann

Das 14. Netzwerktreffen steht unter dem Schwerpunktthema Plattformen. Hier gehen wir der Frage nach, welche Rahmenbedingungen für politische Bildung mit Webvideo bereits durch die Plattformwahl vorgegeben werden.

Den Input von Michael Seemann und Theresa Hein findet ihr hier:

Messengerisierung und Webvideo

Hat der zunehmende Rückzug von Kommunikation in geschlossene Messengergruppen Einfluss auf die Arbeit mit Webvideo in Bildungskontexten?

Gedanken des Netzwerkes Bewegtbildung


cc by alok_sharma

Dieser Text zeigt Chancen und Herausforderungen von Messengerkommunikation für Bewegtbildung auf. Er bezieht sich dabei auf die vier Bewegtbildungs-Kriterien Identifikation, Interaktion, Zielgruppenorientierung und Haltung.

Messengerkommunikation und Identifikation
Kommunikation in nicht-öffentlichen oder halb-öffentlichen Messengergruppen bietet, neben zahlreichen Herausforderungen für die politische Bildung, auch neue Chancen. Vor allem wenn es um die Frage geht, wie wir als Bildner*innen Identifikation mit einem Bildungsprozess herstellen wollen, könnten Messengerdienste die Arbeit unterstützen. Zum einen kann ein direkter Austausch mit bestimmten Zielgruppen dort stattfinden, wo sie sich ohnehin schon regelmäßig aufhalten. Zum anderen lassen sich Gruppen gestalten, die als geschützter Raum wahrgenommen werden. Natürlich werden so in der Kommunikation auch In- und Outgroups etabliert. Für die Identifikation als Gruppe und gemeinsames Projekt kann das jedoch ein Vorteil sein. Durch die Vielzahl technischer Dienste und Gruppen besteht allerdings die Gefahr einer Zersplitterung der Kommunikation und es entstehen technische Abhängigkeiten. Dies kann für Bildner*innen bedeuten, mehrere Dienste parallel nutzen zu müssen – sicher eine Ressourcenfrage. 

Es sollte Teilnehmenden freigestellt sein, den Dienst zu nutzen, den sie etwa mit Blick auf Datenschutz als angemessen und praktisch empfinden. Über die exklusive Gruppenbildung und die Übertragung von echter Verantwortung für die Gruppen (Moderation/Admin) an Projektteilnehmende lassen sich echte Peerstrukturen schaffen. Dies kann die Identifikation mit einem Bildungsprozess zusätzlich erhöhen. Inwieweit sich Peers finden, die freiwillig und verantwortungsvoll diese Aufgabe übernehmen, ist allerdings eine eigenständige Frage. Auch wird sich erst im Prozess zeigen, ob diese Peerleader ihre Rolle in unseren Projekten als Gewinn oder Verlust für ihr Ansehen unter ihresgleichen ansehen. Mit Blick auf jugendliche Zielgruppen muss klar sein, dass Projekte nur dann als Gewinn an Reputation wahrgenommen werden, wenn sie einen echten Lebensweltbezug haben und die Kommunikation in Messengern auf Augenhöhe, persönlich und informell verläuft. Das bedeutet zum Beispiel, keine Textwüsten und Fachsprache in Messengerkommunikationen zu verwenden. Ebenfalls sollte keine Imitation von Jugendsprache stattfinden und der Einsatz von ikonografischen Mitteln wie Emojis, Sticker, Animationen und GIFs (z.B. Memes) muss gut überlegt und dem Thema angemessen sein.

Messengerkommunikation und Interaktion
WhatsApp als der größte Messengeranbieter in Deutschland ist für politische Bildner*innen zunächst eine interessante Plattform, um die eigenen Inhalte schnell an eine große Anzahl an Empfänger*innen zu schicken und sofort Feedback zu erhalten. In der Praxis ist jedoch die Zuordnung von Messengerdiensten zu sozialen Netzwerken problematisch, da diese nicht den offenen Plattformcharakter von Facebook oder Twitter aufweisen. Wer nicht in den entsprechenden Gruppen ist, kommt auch nicht in die Kommunikationskanäle hinein – das ist auch erst einmal gut so. Für die politische Bildung können Messengerdienste trotzdem sinnvoll sein – nicht zur direkten Zielgruppenansprache, aber indirekt, beispielsweise wenn zur Kommunikation mit Multiplikator*innen ein eigener Info-Channel aufgebaut wird, oder ein Chatbot spielerisch zum Engagement mit Inhalten einlädt. Inhalte sollten so aufbereitet sein, dass sie zum Teilen einladen. Ob Aufwand und Nutzen – insbesondere bei aufwändigen Chatbots, oder großen Channels, die dann auch ein entsprechendes Communitymanagement erfordern – in einem angemessenen Verhältnis stehen, bleibt allerdings zweifelhaft und muss deshalb für einzelne Interaktions-Formen jeweils abgewogen werden..

Messengerkommunikation und  Zielgruppenorientierung
Gerade in Bezug auf Messengerkommunikation ist es nochmal notwendiger, seine Zielgruppe so genau wie möglich zu kennen und zu wissen, in welchen Gruppen diese unterwegs ist. Ebenso wichtig ist es, die Funktion der jeweiligen Messengergruppen zu kennen, um Inhalte mit der Zielgruppe auszutauschen. Der Gruppe “Anna´s Geburtstag” kommt dabei eine andere Funktion und Intentionallität zu als der Gruppe “Umwelt AG der Klasse 7B”, was bei der Ansprache und Einbindung der Zielgruppe in die Verbreitung von Inhalten berücksichtigt werden muss.

Um von Erwachsenen initiierte Bewegtbildungsprojekte unter Einbeziehung von Messengerkommunikation erfolgreich und partizipativ durchzuführen, ist es stets notwendig, auf Augenhöhe mit der Zielgruppe zu sein, Wissensaustausch zu ermöglichen und Dialog zu fördern.

Messengerkommunikation und Haltung
Wichtig ist es im Rahmen von Bewegtbildung, zum einen als Projektverantwortliche*r Haltung zu zeigen und dabei unter anderem Pluralismus und zivilgesellschaftliches Denken vorzuleben, sowie zum anderen sachlich und neutral zu bleiben. Möglich wird das etwa, indem man andere Haltungen als die eigene, sofern diese sinnvoll argumentierend und nicht würdeverletzend oder Ähnliches sind, als gleichwertig bedeutsam anerkennt und den hohen Stellenwert einer solchen Anerkennung für politische Prozesse betont. Im Zentrum von Bewegtbildungsprojekten stehen jedoch nicht Haltungen der Projektverantwortlichen, sondern die Haltungen der Projektteilnehmer*innen. Diese können innerhalb von Messengergruppen von den Teilnehmer*innen miteinander diskutiert sowie überhaupt erst einmal entwickelt werden. Kontroverse Themen sowie der Einbezug von Emotionen können Anreize für solche Diskussionen in Gruppen schaffen und Interaktionsgrade erhöhen. Beides kann aber auch in unsachliche Diskussionen münden. Deshalb kann im Rahmen von Bewegbildung bezogen auf Messengerdienste der Umgang mit Emotionalität und mit Kontroversen, die sich teils nicht auflösen lassen und die teils auch ausgehalten werden müssen, thematisiert werden. Ebenfalls kann der Umgang mit Hate Speech und Fake News in Bezug auf Messenger Thema sein und es können Filterblasenphänomene bewusst gemacht werden, die sich gerade auch durch nicht- oder halb-öffentliche Gruppen in Messengerdiensten verstärken können.

Wichtig ist auch, die Haltung einzunehmen, dass Projektverantwortliche nicht alles wissen müssen, was in Messengergruppen des Projektes geschieht, und dass gerade z.B. Jugendliche auch ihre eigenen Räume benötigen, in denen sie agieren können. Ggf. kann ein*e Projektteilnehmer*in die Moderation der Gruppe übernehmen und, sofern vorher mit allen Teilnehmer*innen so vereinbart, Problemfälle in der Gruppe mit den Projektverantwortlichen besprechen, allerdings ohne dabei Projektteilnehmer*innen zu diskreditieren. Extreme Haltungen etwa können dadurch als solche problematisiert werden. Gleichwohl sollte ein gleichberechtigter Diskurs auch sehr unterschiedlicher Meinungen gefördert werden. Falls Projektverantwortliche doch an Messengergruppen des Projekts teilnehmen, sollte dies mittels Personen-Accounts statt Organisations-Accounts geschehen, um somit die wünschenswerte Haltung zu verdeutlichen, in der Gruppe als persönliche*r Diskussionsteilnehmer*in zu kommunizieren und nicht als übergeordnete, eine Organisation vertretende Instanz.

Katrin Müller, Markus Gerstmann, Maximilian Nominacher, Mosjkan Ehrari, Robert Behrendt und  Shirin Kasraeian für das Netzwerk Bewegtbildung

Rückblick Bewegtbildung 2018

Die diesjährige Konferenz des Netzwerks bewegtbildung.net im September liegt nun schon einige Wochen zurück. Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern zwei Jahre nach unserer ersten Fachtagung, ein noch breiteres Programm auf die Beine stellen konnten. Wir bedanken uns bei 136 Teilnehmenden, die die Qual der Wahl hatten, sich aus 21 Sessions das Passende auszusuchen.

Als Querschnitt durchs Feld der politischen Bildung mit Webvideo zeigt unser Programm auch, dass sich dieser Bildungsbereich weiter stark entwickelt und immer wieder neue Themen sichtbar werden. Ob algorithmische Inhaltskontrolle, gezielte Desinformation, Empathiebildung in VR oder Extremismusprävention online – wir haben versucht relevante Fragen der politischen Bildung im Social Web anzugehen.

Und wir haben auch ein wenig experimentiert: Bei unserer Abendveranstaltung haben sich zahlreiche spannende Webvideo-Formate in Pecha-Kucha-Vorträgen vorgestellt. Und in unserem Showroom konnten unsere Besucher*innen sich viele spannende Projekte aus den Bereichen Webvideo und VR anschauen.

Hier sind die Formate aus unserem Showroom, die ihr euch noch mal in Ruhe ansehen könnt:

6×9: A virtual experience of solitary confinement

Inside Auschwitz

about:blank

Meeting a monster

Ask a slave

Homo Digitalis

Natürlich gibt es auch eine Videodokumentation der Fachtagung, die Ihr gern in euren Netzwerken verbreiten könnt und die euch Inhalte aus Vorträgen und Podien auch später noch zugänglich machen.

Automatisierte Inhaltskontrolle – Schwerpunkt beim 10. Netzwerktreffen

In regelmäßigem Abstand, etwa viermal im Jahr, treffen sich die Mitglieder von bewegtbildung.net zu Netzwerktreffen. Hier wird genauso zu internen Themen und der Weiterentwicklung des Netzwerkes gearbeitet wie auch zu aktuellen Fragen der politischen Bildung und Medienbildung mit Webvideo.

Bei unserem 10. Netzwerktreffen am 22. März in Berlin, dem ersten im Jahr 2018, hatten wir uns eine anspruchsvolle Agenda vorgenommen: Wir planten weiter unser eigenes Webvideoformat sowie die Fachtagung “Bewegtbildung 2018” am 25./26. September 2018 ebenfalls in Berlin. Außerdem beschlossen wir eine Vereinfachung der Aufnahme neuer Mitglieder ins Netzwerk.

Vor allem aber wollten wir uns inhaltlich mit dem Thema “Automatisierte Inhaltskontrolle” im Social Web und auf Plattformen beschäftigen. Hierzu hatten wir Prof. Dr. Martin Emmer vom Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft eingeladen, der einen Input zum Thema gab und den Fragen nachging, was aktuell technisch möglich ist und welche Inhaltskontrollen zensierend oder moderierend tatsächlich umgesetzt werden.

Dabei wurde deutlich, dass gesellschaftliche Digitalisierungsprozesse erst am Anfang stehen und Techniken zur Inhaltsanalyse in stetiger Entwicklung begriffen sind, da Nutzerdaten explosionsartig wachsen und sich deren Erhebung für Akteure außerhalb der Plattformökonomie schwierig gestaltet. Entsprechende Erfahrung konnte Martin Emmer aus dem BMBF-Verbundprojekt „NOHATE“ einbringen, das seine Daten von Kooperationspartner wie Heise.de, Zeit Online und Welt bezieht, um eine softwaregestütze Moderationshilfe für Kommentarspalten zu entwickeln.

Doch würden Technologien auch zur automatisierten Inhaltskontrolle mit dem Ziel von Zensur sowie gezielter Steuerung der Verbreitung von Inhalten im internationalen Kontext von verschiedenen Staaten und Konzernen bereits eingesetzt und öffentliche Diskurse dadurch entsprechend beeinflusst. Was wiederum die automatisierte Analyse und Kontrolle von Bild- und Videoinhalten betrifft, gestalte sich die Frage noch viel schwieriger, denn hier befänden sich die Technologien und Analysetechniken noch im Anfangsstadium.

So resümiert Martin Emmer, dass Digitalisierung zwar Freiräume eröffnet, allerdings für alle gesellschaftlichen Akteure: Bürger, Konzerne und Staaten. Entsprechend sei es pädagogische Aufgabe, junge Menschen selbst auf die Macht vorzubereiten, die sie als Kommunizierende im Social Web und in ihrer “persönlichen Öffentlichkeit” hätten. Sie müssten lernen, ihre Selbstwirksamkeit und Verantwortung im Umgang mit der eigenen Meinungsfreiheit zu verstehen und bürgerschaftliche Kompetenzen einüben, wie eine faire Streit- und Debattenkultur.

Mit Netzwerken netzwerken

Die Netzwerke “Verstärker” und “bewegtbildung.net” haben sich im Dezember 2017 zu ihrer ersten gemeinsamen Tagung in Berlin getroffen und dabei festgestellt, dass es noch viel voneinander zu lernen gibt. Die offenen Fragen sind ein guter Ausgangspunkt für ein Stück gemeinsamen Wegs, um politische Bildung dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird.

Dass sich die Netzwerke “Verstärker” und “bewegtbildung.net” etwas zu sagen haben würden, davon konnten wir ausgehen. Die vielen Berührungspunkte waren ja der Ausgangspunkt für das gemeinsame Treffen am 8. und 9 Dezember 2017 in Berlin. Dass aber am Ende so viel mehr auf der Agenda stand, als überhaupt bearbeitet werden konnte, war dann doch überraschend.

Beide Netzwerke sind bpb-Projekte und da lag es nah, den gemeinsamen Austausch zu suchen. Vorallem aber die inhaltliche Überschneidung mit Blick auf die Zielgruppe gab den Ausschlag. “Verstärker” erarbeitet vor allem Formate der politischen Bildung für die sogenannten “politik- und bildungsfernen Jugendlichen”. bewegtbildung.net wiederum begleitet die politische Bildungsarbeit mit Webvideo, ein Format, dass vor allem diese Zielgruppe erreicht.

Um breitesten Austausch untereinander zu ermöglichen, veranstalteten wir auf unserer gemeinsamen Tagung ein Barcamp. Doch  nicht ohne das jeweils andere Netzwerk zuvor ins eigene Themenfeld zu holen. Mit entsprechenden Inputs und Methoden starteten wir den ersten Tag, Ruth Grune (bpb) und Corinna Graubaum machten den Aufschlag für Verstärker mit einem Blick auf die Zielgruppe im Rahmen der Sinus-Milieus. Daniel Seitz führte mit seiner Präsentation für bewegtbildung.net in die politische Bildungsarbeit mit Webvideo ein.

Mit der Sessionplanung zum Barcamp wurden die Themen der Teilnehmenden dann für alle sichtbar. Von technischen Fragen über klassische Bildungsinhalte und medienpädagogische Problemstellungen bis hin zu originär politisch-bildnerischen Ansätzen fanden viele Anliegen ihren Raum und wurden in den Session am 1. Tag und am 2. Tag des Barcamps kontrovers und produktiv verhandelt.

Den Abend des ersten Tages beendeten wir mit der Vorführung des Dokumentarfilms Berlin Rebel Highschool und einem anregenden Gespräch mit Regisseur und Produzenten Alexander Kleider über die Misere von leistungsorientierten Lernumgebungen und den utopischen Gegenentwurf der Schule für Erwachsenenbildung.

Als zum Abschluss des zweitägigen Treffens noch einmal der Raum für Diskussion und Fragen geöffnet wurde, wurde auch klar, warum die Begegnung der Netzwerke so wichtig war. Denn es kommen eine ganze Reihe von Aufgaben auf beide Netzwerke zu, um die gesellschaftlichen Entwicklungen weiterhin kritisch und konstruktiv begleiten zu können: die diverse Zielgruppe der “politik- und bildungsfernen Jugendlichen” bewegt sich in einem dynamischen Medium: politische Bildung mit Webvideo und jungen Menschen ist ein stark bewegter Bildungsbereich.

Vortrag von Anselm Sellen auf der Bühne mit Beamerbild

Was ist Bewegtbildung – Fragen über Fragen?

Die folgenden Überlegungen entstanden in der Vorbereitung der Workshops und während der Keynotes und Panels zur Fachtagung “Bewegtbildung” am 20.9.2016 in Berlin. Sie stellen eine Überblick über aktuelle Diskussionen im Bereich der politischen Bildung mit Webvideo dar. Wir danken vor allem Anselm Sellen für die erste Frage aller Fragen.

“Sind Fragen die besseren Antworten?”


Politische Bildung mit Webvideo

  • Was ist politische Bildung?
  • Geht es hierbei um Inhalte, Wissen, Informationen?
  • Braucht es Bildungsnarrative für Idioten? (griech. ἰδιώτης / idiotes, in etwa: “unpolitischer Mensch” oder „sich mit dem Gemeinwohl nicht in Verbindung setzend“)
  • Was sind Rahmenbedingungen, Chancen und Möglichkeiten politischer Webvideo-Bildungsprojekte?
  • Wie kann die Zukunft von Webvideo-Formaten der politischen Bildung aussehen?
  • Was sind Kriterien, mit denen der Erfolg von Bildungsangeboten im Social Web überprüft werden kann?
  • Welche Ziele verfolgt politische Bildung mit Webvideo/im Social Web?
  • Welche Rolle spielt Persönlichkeitsbildung als Bestandteil von politischer Bildung?
  • Inwiefern handelt es sich bei politischer Bildung mit Webvideo um Prozessinformation?
  • Welche Prozesse der politischen Bildung finden mit Webvideo/im Social Web statt?
  • Welche Faktoren bestehen für gelingende politische Bildung im Social Web?
  • Wie wird politische Bildung im Social Web betrieben – wie sollte sie zukünftig betrieben werden?

Politisch bildnerische Zusammenarbeit zwischen YouTuber*innen und Medienpädagog*innen

  • Wie können politische Bildungsangebote mit Webvideo ihre Zielgruppen erreichen?
  • Wie kann die Community-Arbeit von Medienzentren in Zusammenarbeit mit YouTuber*innen erfolgreich gestaltet werden?
  • Welche Themen werden dabei aufgerufen?
  • Welchen Mehrwert hat die Zusammenarbeit von Jugendlichen, YouTuber*innen und Pädagog*innen für alle drei Seiten?
  • Was haben Jugendliche von dem Zusammentreffen mit YouTuber*innen?
  • Sollen Bildungsformate andocken an aktuelle Themen und Aktionen der YouTube Community?
  • Was gehört alles dazu, einen eigenen Kanal zu pflegen? Ideenentwicklung, Produktion, regelmäßige Inhalte, Kanalpflege, Kanalvermarktung?

Verschwörungsideologien vs. Nachrichten – Populismus im Social Web als Handlungsfeld von Medien- und politischer Bildung

  • Welche Formen an Populismus gibt es in Webvideo (Propagandafilm, Hoaxes, Zusammenschnitte, Ausschnitte etc.)?
  • Welche Strategien werden dort verfolgt?
  • Welche Gegenstrategien sollte die politische Bildung entwickeln?

VR und 360° – neue Technologien und ihr Einfluss auf politische Bildung im Social Web

  • Welche neuen Chancen bieten neue virtuelle Räume für die politische Bildung?
  • Wie kann politische Bildung in solchen Räumen aussehen – auch unter Berücksichtigung gängiger Formate und zumeist Gruppen-Angeboten, im Gegensatz zu meist individuellen Erlebnissen in VR?
  • Was bedeutet der Unterschied zwischen Ereignis und Erlebnis bei VR für politische Bildung?
  • Welche neuen Erzählformen bieten Virtual Reality und 360°-Webvideo für Informations- und Bildungsangebote und wie sollte politische Bildung darauf vorbereitet sein und reagieren?
  • Sind VR-Erfahrungen als immersive Erlebnisse mit der Grundannahme der politischen Bildung vereinbar, dass TN nicht überwältigt werden sollten?
  • Können klassische Simulationen der politischen Bildung durch VR standardisiert werden und große Reichweite erzielen?
  • Was können Projekte wie A100 zur Informationsgewinnung für politischen Bildung leisten?
  • Inwieweit kann Mixed Reality (VR/AR) in der politischen Bildung die Zeitzeugenarbeit ersetzen?
  • Kann künftig damit gerechnet werden, dass Technologie so kostengünstig und einfach arbeitet, dass sie auch in der politischen Bildung genutzt werden kann?

Working with Refugees – Best Practice, Yes! But how?

  • Welche Praxiserfahrungen aus Webvideoprojekten mit geflüchteten Menschen können in die medienpädagogische Arbeit übertragen werden?
  • Welche Kompetenzen in einem Team helfen, erfolgreich mit Geflüchteten im Webvideokontext zu arbeiten, worauf muss eine Team achten können?
  • Was können Medienprojekte mit Geflüchteten leisten und was braucht es dafür?
  • Welche Stolpersteine gibt es in der Webvideo-Arbeit mit Geflüchteten: Von der Auswahl der Kooperationspartner bis zur Veröffentlichung der Videos?

Livevideo: Politische Bildung in Echtzeit

  • Wie kann Medienbildung und politische Bildung auf die Entwicklungen der politischen Liveberichterstattung reagieren?
  • Welche Rolle spielen Facebook, YouTube, Periscope etc. in der täglichen Berichterstattung?
  • Was für ein Publikum wird erreicht, wie gestaltet sich der Austausch?
  • Wird in dieser Kommunikation seitens der Nutzer*nnen eher Stimmung gemacht?
  • Gibt es ein Community-Building?
  • Gibt es Prozesse mit Nutzerfeedback umzugehen?
  • Geht man schneller/unfertig raus und hat mehr Zeit im Nachhinein?
  • Welche Kompetenz wünscht man sich beim Zielpublikum?
  • Merkt man eine Änderung des Nutzerverhaltens?
  • Wie kann man Nutzer*innen mit Blick auf künftige Entwicklungen durch pol. Bildung vorbereiten?
  • Welche Anwendungsszenarien von Live-Video könnte es in der pol. Bildung geben?
  • Wie sieht die Zukunft der Nutzereinbindung in Fragen der Produktion von Live-Video aus?

Wissensformate und Informationsformate mit Webvideo

  • Wer sind die Akteur*innen, denen Millionen von Jugendlichen zutrauen, sie wahrheitsgetreu zu informieren und in ihrer Meinungsbildung zu unterstützen?
  • Aus welchen Gründen schenken Jugendliche Personen mehr Glauben als den Institutionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder Redaktionen?
  • Wie funktioniert eine Ein-Frau/Mann-Redaktion?
  • Wie kann Qualitätsentwicklung stattfinden?
  • Wie können die kommunikativen Chancen von Webvideo auch für die Entwicklung von Quellen- und Informationskompetenz genutzt werden?
  • Wie gehen erfolgreiche YouTuber*innen mit ihrer Verantwortung und Reichweite um?
  • Welchen Weg sollten Institutionen wählen, um erfolgreiche Wissensformate aufzubauen? Auf den Erfolg von YouTubern*innen aufbauen? Eigene Kanäle aufbauen? Überblick über Formate geben?